Das Parlament der Unsichtbaren

Im Januar 2014 lud der französische Historiker und Demokratieforscher Pierre Rosanvallon französische Internetnutzer dazu ein, auf einer Webseite ihre Alltagsgeschichten zu erzählen. Mit seinem Projekt „Raconter la vie“ („Das Leben erzählen“) will er ein Porträt der französischen Gesellschaft zeichnen – krisengeschüttelt, aber längst nicht resigniert. 

Raconter la vie

Im Januar 2014 lud der französische Historiker und Demokratieforscher Pierre Rosanvallon französische Internetnutzer dazu ein, auf einer Webseite ihre Alltagsgeschichten zu erzählen. Mit seinem Projekt „Raconter la vie“ („Das Leben erzählen“) will er ein Porträt der französischen Gesellschaft zeichnen – krisengeschüttelt, aber längst nicht resigniert. 

„Viele Franzosen fühlen sich vergessen, unverstanden und aus der Welt der Institutionen, Regierungen und Medien ausgeschlossen – mit einem Wort: schlecht repräsentiert“, erklärte Pierre Rosanvallon im Januar 2014 beim Start des Projektes, das er in dem Manifest Le Parlement des invisibles („Das Parlament der Unsichtbaren“) zusammengefasst hat. In einer klassischen Bücherserie und auf der interaktiven Webseiteraconterlavie.fr sammelt er die Lebensgeschichten jener Menschen, „die man nicht sieht“ und die dennoch „den wahren Roman der heutigen Gesellschaft“ schreiben.

Zu den ersten Büchern der Serie gehört La course ou la ville („Das Rennen oder die Stadt“), in dem die Journalistin Eve Charrin den Alltag von Verkaufsfahrern in Paris beschreibt. Der erschütternde Bericht Moi, Anthony, ouvrier d’aujourd’hui („Ich, Anthony, ein Arbeiter von heute“) wurde wiederum von einem Soziologen zusammengestellt und schildert die beruflichen Schwierigkeiten eines jugendlichen Schulabbrechers aus einem Vorort von Lyon. „Die Fabriken von heute sind die Versandzentren, wie etwa das von Amazon; nicht mehr die großen Automobil- oder Chemiewerke“, betont Pierre Rosanvallon und fügt hinzu, dass „kein einziger Arbeiter im Europaparlament vertreten ist.“

Zwischen den Bürgern und ihren Vertretern: ein Abgrund

Die Professionalisierung der Politik ist einer der Gründe dafür, dass sich Bürger und Abgeordnete immer weiter entfremden. In Regarde les lumières mon amour („Sieh nur die Lichter, mein Schatz“) beschreibt die Schriftstellerin Annie Ernaux das alltägliche Geschehen in einem riesigen Supermarkt. Sie stellt außerdem fest, dass „die Politikerinnen und Politiker, Journalisten und ‚Experten’ – also alle, die nie einen Fuß in so einen Supermarkt gesetzt haben –, von der sozialen Realität des heutigen Frankreichs gar nichts wissen.“

Und der Ruf scheint Gehör zu finden: Am 9. April wurde Pierre Rosanvallon von den Abgeordneten der französischen Nationalversammlung empfangen. Begleitet wurde er von einem Dutzend Autoren, darunter einfache Bürger, die bei seinem Projekt mitmachen. Der Termin lag kurz nach den Kommunalwahlen mit einer Enthaltungsquote von knapp 40 Prozent…

Der Alltag in einem Forschungslabor ist ein anderes, unbekanntes Thema, dem sich Sébastien Balibar in seinem Bericht widmet. Tatsächlich weiß der Einzelne oft wenig über die verschiedenen Lebenswelten, die es in einer Gesellschaft gibt. Das führt zu Klischeevorstellungen: Sozialhilfeempfänger sind „arbeitsscheu“, Migranten „ungebildet“ und Beamte „faul“.

„Solche Klischees und Hirngespinste sind sehr mächtig geworden“, erklärt Pierre Rosanvallon. Unsere Gesellschaft sei von Misstrauen und Unkenntnis gegenüber den anderen geprägt, so dass sich jeder in sich selbst zurückziehe und das soziale Gefüge zerbreche. Dies erkläre auch den Erfolg der rechtextremen Parteien. Wir müssten endlich wieder „auf den Teppich kommen“.

Um möglichst viele Orte und Lebensarten abzudecken, vereint die Buchserie verschiedene Genres, Geschichten, soziologische Analysen, journalistische Hintergrundberichte, ethnographische Studien und fiktionale Texte. Die Werke sollen „für jeden zugänglich sein“, meint Pauline Peretz, die für die Publikation verantwortlich ist. Das erklärt auch das kurze Format (etwa 80 Seiten) und den günstigen Preis (5,90 Euro). Die Webinhalte sind völlig kostenlos. 2.500 Menschen haben sich bereits angemeldet, um die bisher 180 veröffentlichten Berichte zu lesen und zu kommentieren. Die Texte sind zwischen 5.000 und 50.000 Zeichen lang und nach Themen („sein Leben ändern“, „Trennung unmöglich“, „Notfälle“, „Low-Cost-Welten“, „Die Gesellschaft aufbauen“) sowie nach Beliebtheit geordnet.

Der Blick nach vorn

Die Texte sind stilistisch hochwertig und die Kommentare nett und herzlich – auch das trägt sicher zum Erfolg der Webseite bei. Statt sich auszutoben oder ihre Wut herauszulassen, wie man zunächst befürchtet hatte, hinterlassen die Internetnutzer ermutigende, solidarische und dankbare Worte oder bieten sogar ihre Hilfe an. Für Pierre Rosanvallon knüpfen die Berichte „soziale Bindungen“, und die Texte zeugten davon, „wie pfiffig die Menschen sein können, wenn es darum geht, Zwänge zu lockern und wieder nach vorn zu schauen.“

Berührend wirken die oft sehr scharfsinnigen Darstellungen auch durch ihre offensichtliche Authentizität. Diouma, ein junges Mädchen aus einem Arbeitervorort, erzählt in J’étais l’obstacle à ma réussite („Ich war mein Hindernis auf dem Weg zum Erfolg“), wie stolz sie war, als sie in die Vorbereitungsklasse für eine Elite-Uni aufgenommen wurde – und wie enttäuscht, als ihr bewusst wurde, dass ihr die gesellschaftlichen Codes dieses Milieus nicht vertraut waren. La dernière maison („Das letzte Haus“) wiederum ist die erschreckende Schilderung einer stürmischen Szene in einem Altenheim.

 

 
Raconter la vie wurde in ganz Frankreich vorgestellt, und viele Vereine, Städte und Gemeinden erklärten sich zum Mitmachen bereit. Bei Lesungen in Buchhandlungen sollen die Stimmen von der Internetseite ein Gesicht bekommen. Das kleine Team von nur zweieinhalb Angestellten (!) verweist in der Rubrik Parallèles auf ähnliche Projekte, führt einen Blog und ist in den sozialen Netzwerken vertreten. Ganz schön viel Arbeit – die dennoch, so hoffen sie, auch im Ausland ihre Nachahmer findet.

Kreativer Kessel

Sechs Monate nach ihrem Start ist die Initiative, die Intellektuelle und normale Bürger zusammenbringt, ein „riesiger Kessel, den wir zum Kochen bringen, ohne zu wissen, was dabei herauskommt“, bekennt Pierre Rosanvallon und versichert aber, dass „alles, was sich in Bewegung setzt, zur sozialen Kraft wird.“

Und auf diese Kraft setzt er, um die Gesellschaft aus der „schrecklichen Unwissenheit herauszuführen, in der wir uns alle befinden,“ wie Michelet es bereits am Vorabend der Revolution von 1848 formuliert hatte.

Kasten Pierre Rosanvallon
Pierre Rosanvallon ist seit 2001 Professor für neuere und neueste Geschichte am Collège de France. Seine Forschung dreht sich um die Geschichte der Demokratie und ihre zeitgenössischen Formen und Wandlungen. Bei Points-Seuil erschienen seine Werke La société des égaux (2013) und La légitimité démocratique. Impartialité, réflexivité, proximité (2010). Im Jahr 2002 rief er mit der finanziellen Unterstützung großer Unternehmen (Lafarge, Edf-Gdf, Air France u.a.) die République des idées ins Leben, eine Art „Think Tank“, zu dem auch eine Publikationsserie gehört. Rosanvallon ist außerdem Chefredakteur der Onlinerevue La vie des idées für Wissensverbreitung und interdisziplinäre Vernetzung.


D&F, Mai 2014
Übersetzung: Saskia Biebert

 

 

 

 

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